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Interessante Artikel zum Thema Hinschauen, Perspektiven

Gottes Menschenfreundlichkeit gegen Demokratie- und Menschenfeindlichkeit

Von Matthias Blöser, Projektreferent Demokratie stärken im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN in Mainz

© GettyImages / Vesnaandjic

Angesichts alltäglicher Diskriminierung und Gewalt bis hin zu rechtsterroristischen Anschlägen wie in Halle und Hanau und an Dr. Walter Lübcke stellt sich auch für Christinnen und Christen die Frage, wie sie persönlich und in der Kirche mit menschenverachtenden und antidemokratischen Aussagen und Handlungen umgehen und Demokratie stärken können. Als christliche Bürger*innen sind auch wir Teil des Problems, weil wir Vorurteile und Stereotype im Kopf haben, die zu Ressentiments und schließlich Abwertung und Ausgrenzung führen können. Genau deshalb können wir zugleich Teil der Lösung sein, wenn wir in Kirchengemeinden und unserem Umfeld Vorurteile reflektieren und Probleme ehrlich anschauen und konstruktiv bearbeiten.

Demokratie und christliche Botschaft

Demokratie basiert auf gleichen Rechten für alle. Die Würde jedes Menschen ist von Staat und Gesellschaft zu schützen. Zur demokratischen Kultur gehören Dialog und Aushandlungsprozesse. In der aufgeheizten Stimmungslage der letzten Jahre ist Dialog herausfordernd. Umso wichtiger ist es, am Gespräch festzuhalten und Wege der Verständigung zu suchen. Gleichzeitig sind wir aufgerufen, Position für Demokratie, Menschenrechte und gesellschaftliche Verantwortung zu beziehen. Kirche kann Ort demokratischer Beteiligung sein und widerstreitende Positionen zusammenbringen. Sie ist jedoch keine rein neutrale Moderatorin, sondern positioniert sich klar für das menschenfreundliche Evangelium. Seine frohe und befreiende Botschaft ruft Christ*innen dazu auf, die Würde eines jeden Menschen zu achten und zu verteidigen. Im demokratischen Streit haben vielfältige, auch herausfordernde Meinungen Platz – Gewalt, Rassismus und Antisemitismus jedoch nicht.

Die Person achten – menschenverachtende Äußerungen ächten

In aufgeheizten Debatten kann es helfen, Person und Aussage zu trennen, um die Aussage zu kritisieren und nicht die Person. Menschen sind vielfältig und gleichwertig zum Ebenbild Gottes geschaffen. Diese christliche Überzeugung fordert uns auf, im Gegenüber Gottes Wirken zu sehen. Das gilt für Menschen, die diskriminiert werden, aber auch für Menschen die diskriminierende Aussagen vertreten. Hierbei geht es nicht darum, Diskriminierung gutzuheißen, sondern um Wertschätzung allen Menschen gegenüber. Wertschätzung schließt zugleich Kritik an und die Ächtung von problematischen Aussagen und Handlungen ein. Ein offener Dialog eröffnet die Möglichkeit, dass kritische Argumente gehört werden, ohne zu garantieren, dass sich eine problematische Ansicht ändert. Schauen wir also genauer hin und bitten unser Gegenüber darum, auch genauer hinzuschauen und hinzuhören mit Blick auf die Betroffenen von Benachteiligung.

Nächstenliebe gegen Menschenfeindlichkeit

Grundlage christlichen Glaubens und Handelns ist das Gebot der Nächstenliebe. Christ*innen sind angesprochen, in Nächsten und auch im „Fremden“ sich selbst zu erkennen. Mit Martin Buber gesprochen: Du sollst deinen Nächsten lieben, er oder sie ist wie du. Mit dieser Grundhaltung  können Christ*innen Nächstenliebe leben und Klarheit zeigen gegenüber gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Ideologien der Ungleichwertigkeit, Verächtlichmachung politischer Gegner*innen, Abwertung von Angehörigen bestimmter Gruppen und weitere Handlungen, die den gesellschaftlichen Frieden gefährden, sind aus christlicher Sicht abzulehnen.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Timotheus 1,7)

Mit diesem Satz spricht Apostel Paulus seinem Täufling Timotheus Mut zu. Der Glaube kann in beängstigenden Situationen helfen. In vielen Kirchengemeinden gibt es den Wunsch, Ängste und Polarisierungen in der Gesellschaft durch Gesprächsangebote abzubauen. Ein christlich geprägter Dialog im Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit kann Polarisierungen überwinden. Dazu bedarf es politischer Antworten auf Globalisierung, sozialen Wandel und Abstiegsängste. Hier kann Kirche soziale Verwerfungen benennen, Alternativen aufzeigen und zugleich eine grundlegende Zuversicht in die Gestaltungsfähigkeit der Gesellschaft verbreiten.

Zwischen Freiheit und Verantwortung

In der Auseinandersetzung um Begriffe wie Volk, Identität und Heimat sollten Christ*innen genau hinschauen. Die Botschaft Christi gilt allen Menschen gleichermaßen und taugt nicht für nationalistische Vereinnahmung. Auch die deutsche Geschichte mit zwei Weltkriegen mahnt eine universale Auslegung des Evangeliums an. Heimat ist ein von Gott geschenkter, offener Gestaltungsraum. Die eigentliche Heimat finden Christ*innen im Glauben an und bei Gott. Sie haben „hier keine bleibende Stadt“ (Hebräerbrief 13,14). In Christus finden sie eine Identität, eine Gemeinschaft der Heiligen und eine gestalterische Freiheit. Christus bietet Freiheit und Geborgenheit wie es Psalm 31 sagt: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. So können Christ*innen in Freiheit und Verantwortung eine menschenfreundliche Heimat ohne Ausgrenzung mitgestalten. Jede Christin und jeder Christ ist herausgefordert zu prüfen, welche Positionen zur Frage des Zusammenlebens in einer vielfältigen Gesellschaft christlich und lebensdienlich sind. Ein guter Leitsatz zum Hinschauen und Handeln: Nächstenliebe leben, Klarheit zeigen.

Zu viel der Uneindeutigkeit

© GettyImages / Chai_pagchong

Von Hanna-Lena Neuser, Stv. Direktorin und Studienleiterin für Europa & Jugend der Evangelischen Akademie Frankfurt/Main

Alles wird immer komplexer. Es beginnt im Supermarkt – braucht es wirklich 84 verschiedene Shampoos? – und geht weiter mit der schier unendlichen Auswahl an Berufswegen, Ausbildungsgängen und Lebensentwürfen. Technische Entwicklungen und die Vielfalt digitaler Angebote wirken oft überfordernd. Und dann kommt da auch noch die Wissenschaft mit ihren vielschichtigen, widersprüchlichen, uneindeutigen Erkenntnissen. Manchmal möchte man schreiend davonlaufen vor den vielen Entscheidungen und Abwägungen, die man in diesem Chaos zu treffen hat. Ich will doch einfach nur meine Haare waschen!

Komplexität macht einem das Leben nicht leicht. Jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig die Entscheidung gegen ganz viele andere Dinge. Was habe ich verpasst? Wäre das andere Shampoo besser gewesen?

Wofür stehe ich? Was ist mir wichtig?

Was im Drogeriemarkt noch zu bewältigen ist, ist bei der Positionierung zu gesellschaftlichen Fragen weitaus anstrengender. Wofür stehe ich? Was ist mir wichtig? Wie soll Gesellschaft aussehen? Was sind meine Werte? Welche Partei vertritt meine Interessen am besten? Wem vertraue ich?

Früher waren die elterliche Prägung, der soziale Druck, das gesellschaftliche Korsett, in dem man sich seinen Platz suchte, enorm. Heute sind junge Menschen freier. Das ist toll! Aber Freiheit kann sich manchmal auch anfühlen wie eine Zumutung. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9) – eine Bibelstelle, die wir unserer Tochter als Taufspruch mit auf den Weg gegeben haben. Aber eben auch eine Herausforderung.

Gerade jetzt in der Krise zeigt sich, wie groß der gesellschaftliche Wunsch nach Eindeutigkeit ist. Der wachsende Zuspruch für Populisten kann schon länger als Indiz dafür gelten, dass ein nicht ganz unerheblicher Teil der Gesellschaft zu viel hat. Zu viel der Uneindeutigkeit.

Diese Überforderung gilt es zu bewältigen

Zu viel aber vielleicht auch von ständiger Abwägung, dem Entscheidungszwang, der Optionenvielfalt und der Ambiguität von Positionen, Erkenntnissen und Meinungen. Diese Überforderung, die sich ganz unterschiedlich äußern kann, gilt es zu bewältigen – strukturell, durch gute Bildung und gute Kommunikation in unsicheren Zeiten, mehr Authentizität, vertrauensbildende Maßnahmen von Menschen und Institutionen, die jedem und jeder Einzelnen dabei helfen (sollten), die Uneindeutigkeit einzuordnen und auszuhalten. Steigerung der „Ambiguitätstoleranz“ nennt das der Islamwissenschaftler Thomas Bauer.

Für all das gibt es bereits gute Konzepte und Pläne. Nur umgesetzt müssen sie werden, gelebt und ernst genommen. Klingt einfach, ist es aber offensichtlich nicht. Warum? Das diskutieren und beleuchten wir mit der Jungen Akademie Frankfurt. Junge Menschen wollen wissen, woher der Vertrauensverlust kommt und wie das Vertrauen wieder gestärkt werden kann. Wir dürfen gespannt sein, wie 30 junge Menschen ganz aktiv lernen, mit der Vielfalt von Meinungen, unsicheren Erkenntnissen und dem Raum für Experimente umzugehen. Vorschläge folgen.

Weitere Infos zum Projekt

Abendmahl und Eucharistie aus römisch-katholischer und evangelischer Sicht: Was geht zusammen und was nicht?

Auf einem gemeinsamen Weg, aber noch nicht am Ziel

16 Fragen, 16 Antworten

Das Abendmahl / die Eucharistie führt ins Zentrum des christlichen Glaubens. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist eine biblische Geschichte, die über die Feier von Jesus Christus mit seinen Jüngern berichtet. Deshalb verstehen sowohl die römisch-katholische als auch die evangelische Kirche die Eucharistie / das Abendmahl als Sakrament, also als unverbrüchliches Heilszeichen Gottes. Doch es gibt auch gewichtige theologische Unterschiede, die schon in der Reformation unversöhnlich auftraten. Heute haben sich die beiden Kirchen einander angenähert, aber noch fehlt ein Stück des Weges. Deshalb können römisch-katholische und evangelische Christen nicht ohne weiteres zusammen das Abendmahl/die Eucharistie feiern.

Was ist gemeinsam möglich und was nicht? Welche tieferen Gründe stehen dahinter? Was Sie schon immer über das Abendmahl / die Eucharistie wissen wollten, das erläutern hier zwei, die es genau wissen müssen – und zwar gemeinsam:

  • Dr. Verena Hammes, römisch-katholische Referentin in der Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), zugleich deren Geschäftsführerin und
  • Dr. Jörg Bickelhaupt Referent für interkonfessionelle Fragen im Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sowie der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW)

Zur differenzierten Erläuterung

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