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IV. Christliche Grundwerte

© Fotolia.com/Alexander Mak

„Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.“ (1. Mose 1, 31)

Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist nicht neu. Zum ersten Mal wurde der Begriff in einem Werk über Waldwirtschaft von Hans Carl von Carlowitz im Jahre 1713 verwendet. Darüber hinaus wurde nachhaltiges Verhalten bereits praktiziert, bevor man dafür überhaupt einen Namen hatte, denn bereits das vorneuzeitliche Wirtschaften war weitgehend nachhaltig orientiert. 

Sicherlich: Raubbau und Übernutzung gab es schon in der Antike und im Mittelalter, aber erst mit der Neuzeit – noch mehr mit der Industrialisierung – kam es zur Nutzung von natürlichen Ressourcen, auf deren Regenerierbarkeit man keine Rücksicht mehr nahm. Das herausragende Beispiel hierfür ist die Verwendung fossiler Brennstoffe, ohne die eine Industrialisierung so nicht stattgefunden hätte.

Theologisch wurde die Ausbeutung natürlicher Ressourcen lange Zeit nicht kritisch hinterfragt. Man berief sich dabei auf den Wortlaut von Genesis 1,28, wo Gott den frisch erschaffenen Menschen mit auf den Weg gibt: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Damit ließ sich scheinbar eine „Vormachtstellung“ des Menschen gegenüber dem Rest der Schöpfung ableiten und scheinbar problemlos der Anspruch formulieren, dass jede Kreatur dem Menschen zu Diensten zu stehen habe. 

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reifte ein Verständnis davon, dass dies eine problematische Auffassung jenes Bibelverses ist. Die hebräischen Begriffe, die mit „untertan machen“ (kavash) und „herrschen“ (radah) übersetzt werden, sollte man vielmehr mit einem sinnvollen, treuhänderischen beziehungsweise fürsorglichen Umgang mit den in der Natur vorhandenen Ressourcen als Quellen menschlichen Lebens assoziieren – und nicht mit deren bedingungsloser Ausbeutung.

Dass die nichtmenschliche Schöpfung keinen bloß instrumentellen Wert für den Menschen besitzt, sondern jeder Mensch verpflichtet ist, ihren Eigenwert zu respektieren, legt der Schöpfungsbericht in Genesis 1 selbst nahe. Ganz offensichtlich ist die nichtmenschliche Schöpfung in den Augen Gottes an und für sich wertvoll. Schließlich wird mehrfach betont, dass Gott das Erschaffene anschaut und dabei feststellt, dass es gut ist. Gleichzeitig lädt der Text seine Leserinnen und Leser ein, in diese bejahende Betrachtung der Schöpfung durch den Schöpfer einzustimmen: „Siehe“, schaut hin, Menschen aller Zeiten, und stimmt mit ein in ein „(sehr) gut“ der Schöpfung Gottes, eignet Euch diesen wertschätzenden Zugang und Blick auf Gottes Schöpfung an.

Dass Nachhaltigkeit ein aus theologischer Sicht zu achtendes Prinzip ist, ergibt sich aus dem Schöpfungsbericht der Genesis also auch, weil ein anderes Verhalten Gottes bejahende und vom Menschen nachzuvollziehende Einstellung zur Schöpfung missachten würde. Wenn Menschen die Mit-Schöpfung ohne Rücksicht auf unwiederbringliche Verluste gleichgültig behandeln, zerstören sie, was in den Augen Gottes an und für sich gut und somit bewahrenswert ist. Umgekehrt kann ein Umgang mit der Mit-Schöpfung, der ihren Eigenwert respektiert und ihr mit Achtsamkeit begegnet, als Erfüllung des Liebesgebotes gegenüber Gott gesehen werden: Denn wer Gott liebt, liebt, was Gott liebt, und verleiht dieser Liebe in seinem Verhalten Ausdruck.

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