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ImDialog

Studienreise nach Polen

H.-G. VorndranReisegruppe vor dem GebäudeDas Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus.

Für die 14 teilnehmenden Mitglieder von ImDialog, dem evangelischen Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau, war diese Studienfahrt im Oktober 2018 die Entdeckung eines faszinierenden Landes mit einer reichen Geschichte und großen politischen Herausforderungen in der Gegenwart.

Bildergalerie

Projekttafel Gruppenfoto Mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" Touristenbus mit der Aufschrift "Schindler's factory"

Andrea Thiemann, Vorsitzende von ImDialog – Evang. Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch, berichtet von der Studienreise nach Polen im Oktober 2018 entlang der Route Warschau – Breslau – Auschwitz/Oświęcim – Krakau.

Aufgrund persönlicher Gespräche mit Bischöfen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche, einem Pfarrer der Reformierten Kirche, einem Rabbiner und Mitgliedern jüdischer Gemeinden haben wir das Land, in dem 90% Katholiken leben, durch die Brille von Minderheiten wahrgenommen.

Öffnung gegenüber dem Westen

1989 – dieses Datum der „Wende“ wurde immer wieder genannt. Mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ öffnete sich das Land gegenüber dem Westen und beschritt den Weg zu einer offenen Gesellschaft. Überall wird mit Unterstützung der EU saniert und gebaut. Die alten Städte erstrahlen in neuem Glanz und laufen sogar dem benachbarten Wien den Rang ab. Wer also wird verhöhnt, wenn der Sternenkranz in der Flagge der EU zur Dornenkrone umstilisiert wird?

Zu früh oder leichtfertig haben sich die Anhänger*innen einer freizügigen europäischen Union in Sicherheit gewogen. Die Regierungspartei ist dabei, das Land wieder in umgekehrter Richtung „umzuackern“, was nicht nur zu einer Klage der EU führte, sondern auch zur Befürchtung, im öffentlichen Raum wieder abgehört zu werden. Schweigend sitzen sie wieder nebeneinander, die Menschen in den Bussen und Bahnen. Zu groß ist die Sorge, dass Smalltalk sich zu politischer Beschimpfung auswachsen könnte.

Ebenso wie der katholische Klerus ist die polnische Gesellschaft gespalten in der Frage, wie sie leben will. Was sie eint? Ihr Papst: Johannes Paul II. Er begegnet als Bild, Büste oder Skulptur in jeder Kirche und als Graffiti mit päpstlichem Zitat an einer Hauswand in Oświęcim – der Stadt, deren deutscher Name „Auschwitz“ zum Inbegriff des Holocaust geworden ist. „Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit.“

 Auschwitz - Mahnmal der Barbarei

Im Konzentrationslager Auschwitz und im Außenlager Birkenau reihten wir uns ein in die 2,5 Mio. jährlichen Besucher*innen aus aller Welt – darunter viele junge Menschen – alle polnischen Schüler*innen fahren im Laufe ihrer Schulzeit einmal an diesen Ort – und, deutlich identifizierbar durch weiß-blaue Shirts und die Staatsflagge – israelische Schülergruppen. Das Mahnmal menschlicher Barbarei ist unbeschreiblich. Wir alle kennen die Bilder – der Schienen, der Koffer, der leeren Augen in trostlosen Gesichtern, des Zynismus „Arbeit macht frei“!

Entrechtet – entwürdigt – entmenschlicht – ermordet

Doch trotz erschreckender deutscher Gründlichkeit sind Jüdinnen und Juden zurückgekehrt nach Polen, wie „ein unerwarteter Gast“. Nicht selten haben erwachsene Menschen am Totenbett ihrer Eltern erst erfahren, dass sie aus einer jüdischen Familie stammen. Alle sind getauft und zur Kommunion gegangen – auch die wenigen, die in ihren Familien offen mit ihrer jüdischen Identität umgegangen sind. 2000 jüdische Kinder überlebten in katholischen polnischen Familien. Aus Liebe ihrer neuen Eltern haben auch sie zumeist erst als Erwachsene von ihren leiblichen, jüdischen Eltern erfahren.

Die wenigen jüdischen Gemeinden, die es in den großen Städten wie Warschau, Breslau und Krakau heute wieder gibt, sind klein – so klein, dass großzügig mit dem halachischen Nachweis jüdischer Vorfahren umgegangen wird. Dank einer jüdischen Stiftung konnte die prachtvolle Synagoge zum Weißen Storch in Breslau renoviert werden. Gebetet aber wird in einem kleineren Raum im 1. Stock, weil die Synagoge selbst viel zu groß ist für die kleine jüdische Gemeinde. Die historische Mikwe im Keller wird gerade aufwändig wieder in Stand gesetzt. Wer sie benutzen wird? Es heißt: die Frau des orthodoxen Rabbiners aus Jerusalem.

Rabbiner David Basok trägt die schwierige Situation mit unerschrockenem Humor. Er sagt, seine Gemeindemitglieder seien zu 100% nicht religiös und er selbst sei kein Rabbiner – jedenfalls sei er noch keiner gewesen, als er zum Rabbiner der Gemeinde bestimmt wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen fürchtet er sich als ehemaliger Wächter beim israelischen Sicherheitsdienst nicht vor antisemitischen Anfeindungen. Der Rabbiner trägt seine Kippa selbstbewusst und öffentlich auf der Straße.

„Eintrittskarten nur auf Vorbestellung!“ in Schindlers Fabrik

Gut oder nicht gut. Letztendlich ist es wohl dem amerikanischen Spielfilm „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg zu verdanken, dass einige historische Orte in Krakau vor dem Verfall bewahrt und damit dem Vergessen entrissen wurden. Das jüdische Viertel Kazimierz ist jedenfalls unübersehbar zur touristischen Attraktion geworden!

 

Die ReiseteilnehmerInnen sind bzw. waren Pfarrerinnen und Pfarrer der EKHN:

Dr. Felipe Blanco Wißmann, Reinheim
Dr. Hermann Düringer, Frankfurt/M
Susanna Faust-Kallenberg, Frankfurt/M
Peter Fleckenstein, Ingelheim
Andreas Heidrich, Bad Soden
Ilona Klemens, Mainz
Dr. Carola Krieg, Mainz
Melanie Lohwasser, Frankfurt/M
Friedhelm Pieper, Frankfurt/M
Willi Schelwies, Schwalbach
David Schnell, Frankfurt/M
Dr. h.c. Ulrich Schwemer, Michelstadt
Andrea Thiemann, Bickenbach
Hans-Georg Vorndran, Büttelborn

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