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Als Kind im KZ

Frankfurter Zeitzeugen warnen Jugendliche vor Faschismus

Erika von BassewitzIm NS-Regime wurden die Pässe von Juden mit einem gelben J markiert

Edith Erbricht war noch ein Kind, als sie im Konzentrationslager Theresienstadt interniert wurde. Die damals Siebenjährige hatte in den Augen der Nationalsozialisten einen schweren Makel: Sie stammte von einem jüdischen Vater ab. Der Kommunist Hans Schwert hingegen hatte sich bereits bei der Machtergreifung bewusst für den Widerstand gegen Hitler und seine Politik entschieden. In Zeitzeugengesprächen und Stadtrundgängen berichten die beiden von ihren Erfahrungen.

Erika von BassewitzJugendliche beim Zeitzeugengespräch in sankpeterGroßer Andrang beim Zeitzeugengespräch in sanktpeter

Edith Erbricht stellt sich am 6. November 2012 zum ersten Mal persönlich den  Fragen der gut 150 Jugendlichen in der Frankfurter Peterskirche, während der 105-jährige Hans Schwert aus gesundheitlichen Gründen seine Freundin Bruni Freyeisen als Sprecherin schickt. Rund um den Jahrestag der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 organisiert die jugend-kultur-kirche sankt peter im gesamten November  Begegnungen zwischen Jugendlichen und Personen, die das Dritte Reich bewusst erlebt haben. „Diese Zeit soll sich nicht wiederholen“,  erklärt der Organisator Pfarrer Rasmus Bertram. „Deshalb möchten wir Euch (die Jugendlichen, Anm. der Redaktion) sensibel machen für die Anzeichen von Faschismus.“

Zeitzeugen wollen mit jungen Menschen reden

Trotz seines Alters verfolgt Schwert noch aktuelle politische Entwicklungen und setzt sie in Bezug zu seinem Erleben des Dritten Reichs. „Die Deutschen wollten Profit, da kam Hitler gelegen. Heute sind viele Länder pleite, deren Banken aber nicht, “ warnt er die Jugendlichen. „Es gibt neue Kapitalisten und neue Nazis. Achtet darauf.“

Heute ist nicht alles vorbei

Auch Erbricht möchte die jüngeren Generationen sensibilisieren: „Im Augenblick suchen sich die Antisemiten nur neue Opfer, den Islamismus zum Beispiel. In vielen Köpfen ist das Problem nicht beseitigt.“ Sie selbst hat die Zeit der Verfolgung und Überwachung nie ganz abschütteln können. „Auch heute noch denke ich manchmal, da steht jemand hinter mir und beobachtet mich.“

Die Familie hält zusammen

Unter Beobachtung steht die Familie bereits bei Edith Erbrichts Geburt im Jahr 1937. Die beiden Töchter dürfen nicht mit arischen Kindern spielen, neue Kleidung und Heizkohle müssen sie sich erschmuggeln. Der Mutter wird die Scheidung nahe gelegt. Sie geht nicht darauf ein, dafür landet sie im Gefängnis. Trotzdem will sie ihren Mann und die Kinder ins Konzentrationslager begleiten, der Wunsch wird ihr verwehrt.

Am 18. Februar 1945 muss Erbricht mit ihrer Schwester, dem Vater und mehr als dreißig anderen Menschen am Frankfurter Ostbahnhof in einen fensterlosen Viehwaggon steigen, insgesamt werden in diesem Zug 616 Menschen abtransportiert. Ziel ist das mehr als 500 Kilometer weiter östlich gelegene Konzentrationslager Theresienstadt. Auschwitz ist zu diesem Zeitpunkt bereits befreit.

Grausame Scherze

Bei der Ankunft werden sie nach Geschlechtern getrennt, Erbricht und ihre vier Jahre ältere Schwester dürfen zusammen bleiben. Die Aufseher scheren ihre Köpfe kahl und nehmen ihnen alle persönlichen Gegenstände ab. Dreißig Kinder sind in einer Baracke, den ganzen Tag eingesperrt und bei Hofgängen stets überwacht. Manchmal scherzen die Aufpasser mit den Kindern: „Uns wurde gesagt, da kämen Waggons mit Süßigkeiten“, erinnert sich Erbricht. „Und als der Zug dann kam, war er voller Leichen. Meine Schwester musste die Waggons dann säubern.“

Rettung im letzten Moment

Am 7. Mai 1945 erreicht die russische Armee Theresienstadt, am 8. Mai befreit sie die Insassen des Lagers. Später erfährt Erbricht aus Unterlagen, dass die Nationalsozialisten ihre Vergasung mit deutscher Gründlichkeit von Anfang an für den 9. Mai 1945 geplant hatten.

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