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Innovation

Digitalisierung: Wo nutzt sie, wo schadet sie?

Bild: Birgit ArndtGruppenbild auf Tagung mensch@maschineMachten sich Gedanken zur Frage: Was ist die Bestimmung des Menschen, wenn analoge und digitale Welt zunehmend verschmelzen?

Der weltweit größte Internetknoten hat seinen Sitz in Frankfurt am Main. Auf dem Gebiet der EKHN treiben Wissenschaftler, Unternehmen und Kommunen die Digitalisierung voran. So hat Darmstadt den Wettbewerb „Digitale Stadt“ gewonnen. Ein passender Ort für das Symposium „mensch@maschine“, das der Evangelische Bund Hessen am 8. März 2019 in Darmstadt veranstaltet hat.

„Es geht nicht um die Frage, ob wir die Digitalisierung wollen oder nicht, denn wir stecken schon mitten drin. Jetzt müssen wir schauen, in welche Richtung sie sich weiterentwickeln soll.“ Nach mehreren Vorträgen hatte sich diese Erkenntnis für einen der Teilnehmer der Tagung, Pfarrer Hans Genthe, herauskristallisiert. Als erfahrener kirchlicher Medienprofi im Ruhestand unterstützt er nun ehrenamtlich die Öffentlichkeitsarbeit des Youngclip Awards der EKHN. Gerade der erste Vortrag des Religionspädagogen Karsten Müller hatte deutlich gemacht, wie sehr digitale und analoge Welt miteinander verwoben seien. Bereits direkt nach dem Aufstehen am Morgen käme es vor, dass der ein oder andere bis zu 19 Apps öffne. Referent Müller vom Religionspädagogischen Institut in Kassel vertrat die Einschätzung, dass wir uns in einem Transformationsprozess hin zu einer Kultur der Digitalität befänden.

Durch gute Vernetzung können kirchliche Angebote mehr Menschen erreichen

Christian Sterzik, der Projektkoordinator für „Kirche in der Digitalen Welt“ der EKD betonte die Chancen der Digitalisierung für Kirchengemeinden. So würden manche Gemeinden wesentlich mehr Menschen erreichen, weil sie ihre Angebote im Internet präsentierten - und vor allem gut vernetzten.

Wie sehr die Digitalisierung in den Kultur- und Wirtschaftsbereich Einzug hält, konnten die Teilnehmenden im Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD erleben. „Das Institut arbeitet daran, wertvolle Kunstschätze wie die Büste der Nofretete dreidimensional einzuscannen“, berichtet Pfarrer Genthe. Der Vorteil sei, dass sich dadurch das 3D-Bild später im Internet veröffentlichen, oder per 3D-Drucker reproduzieren ließe. Fälschungssicher – laut Fraunhofer. Dadurch könnten Kunstobjekte wie dieses mehr Menschen zugänglich gemacht werden. 

Zudem wurde der Nutzen von Augmented Reality (AR) in der Industrie vor Augen geführt. Die AR erweitert die menschliche Wahrnehmung der Realität durch digitale Anwendungen. „Ein KFZ-Mechatroniker kann sein Tablet auf eine Autotür ausrichten, in der sich ein defektes Teil verbirgt. Auf dem Tablet-Bildschirm wird dann angezeigt, wo genau das Teil sitzt und wie es ausgewechselt werden soll“, berichtet Hans Genthe, der ehemalige Multimedia-Pfarrer der EKHN.

Deutschland soll zum führenden Standort für künstliche Intelligenz werden

Dass Anwendungen wie diese auch durch Know-How aus Deutschland entstehen, ist kein Zufall.  Im November 2018 hatte die Bundesregierung in einem Strategie-Papier das Ziel formuliert, dass Deutschland und Europa sich zu einem führenden KI-Standort entwickeln sollen. Künstliche Intelligenz umfasst Maschinen und Programme, die selbständig durch die Auswertung großer Datenmengen lernen können. Anhand komplexer Algorithmen können sie Muster erkennen, auf deren Basis sie Entscheidungen treffen können. Beispiele dafür sind Staubsaugerroboter oder der Sprachassistent Alexa. Über diese Entwicklung wollte der Evangelische Bund Hessen zum Austausch anregen und fragt in seinem Veranstaltungs-Flyer: „Angesichts lernender Maschinen müssen wir heute fragen: Was ist die Bestimmung des Menschen, wenn analoge und digitale Welt zunehmend verschmelzen?“ 

Analoges und Digitales sinnvoll miteinander verbinden

Dass diese Frage weitere Fragen aufwirft, hat Dr. Volker Jung, der Kirchenpräsident der EKHN, in seinem Vortrag „Warum Digitalisierung ein Thema für die Kirche ist“ mit u.a. einer Frage des israelischen Historikers Yuval Harari verdeutlicht: „Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?“ Kirchenpräsident Jung plädierte für einen pragmatischen Umgang mit der Digitalisierung in der Kirche. Es gehe nicht darum, digital und analog gegeneinander auszuspielen, sondern beides sinnvoll miteinander zu verbinden. In seinem Buch hatte er bereits darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung den Menschen neu vor die Aufgabe stelle, „herauszufinden, was Menschen gut tut, weil es zum Leben hilft, und was Menschen schadet, weil es Leben zerstört.“

Segen – digital und medial vermittelt

„Zwischen Kommunikation und Provokation“ lautete der Titel des Tagungsvortrages des EKHN-Pressesprechers Volker Rahn. Er bezog sich auf den Segensroboter der EKHN, mit dem die Kirche eine Debatte über die Digitalisierung angestoßen hat. Die Installation „BlessU-2“ ist auch in der Lage, Segensworte „vorzulesen“ und auszudrucken. Eine Provokation war der Segenroboter „BlessU-2“ für einige Menschen tatsächlich. Deshalb versicherte Volker Rahn gleich am Anfang: „Der Segensroboter ist ganz gewiss eines nicht: Der Prototyp des neuen Pfarrers oder der neuen Pfarrerin der Zukunft.“ Er beantwortete auch die Frage, ob Segen über Display und Lautsprecher wirke. „Ja, schon irgendwie, weil wir als Protestanten auf die Kraft des Wortes vertrauen. Und weil wir wissen: Gott gibt es immer nur medial vermittelt. Mal als brennenden Dornenbusch, mal als Thorarolle. Und vielleicht künftig als Stimme aus Alexa.“ In seinem Buch warnt Kirchenpräsident Jung allerdings davor, Roboter so zu konzipieren, dass sie Menschen kopieren – wovon das Aussehen des Segensroboters weit entfernt ist. 

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