Menümobile menu

Buchhinweis

Leiden am größten Fehler der Menschheit

istock|digitalimaginationAdam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben. Foto eines Kirchenfensters.

Die Bibel beschreibt die Konflikte der Menschen beim Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit. Dieser unabgeschlossene Vorgang hat eine hohe Sehnsucht nach Religion hervorgebracht. Das meinen der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel in ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit“.

Hunderttausende Jahre lebten die frühen Menschen als Nomaden in kleinen Verbänden von Jägern und Sammlern, in denen jeder jeden gut kannte. Die Regeln für das Zusammenleben waren einfach.

Mit der  Einführung  der Landwirtschaft vor  etwa 12.000 Jahren wurde der Mensch sesshaft. Damit traten schlagartig bisher unbekannte und deswegen auch kaum zu bewältigende Probleme auf. Neue Krankheiten, Naturkatastrophen mit Ernteausfällen, aber auch das Zusammenleben in großen Verbänden stellten die Menschen vor große Herausforderungen. Schneller als es die biologische Evolution zulässt, mussten sich die Menschen an neue soziale Umgebungen anpassen. Als „größten Fehler in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnen die Autoren van Schaik und Michel diesen Schritt.

Drei Varianten der Evolution

Die Evolution des Menschen basiert auf drei „Naturen“. Diese Antriebskräfte wirken gleichzeitig im Mensch, lenken ihn und stürzen ihn in Verwirrung. Dies ist die grundlegende Annahme der Autoren, die sich durch das gesamte Buch zieht. Neben der biologischen Evolution, der Vererbung, die sich über tausende von Jahren erstreckt, wirkt die kulturelle Evolution kurzfristiger: "Die existenziellen Probleme, die das neue, sesshafte Leben mit sich brachte, waren so dringend, dass schnelle kulturelle Lösungen vonnöten waren.“ Sie führten zu neuen Gewohnheiten, Konventionen und Mentalitäten, die an nachfolgende Generationen weitergegeben werden müssen. Diese kulturelle Prägung findet in der Regel in der Kindheit statt. Hinzu kommt die Vernunftnatur, die erst im höheren Alter erlernt wird und oft im Gegensatz zu biologisch oder kulturell geprägten Bedürfnissen steht. "Natur zwei und drei sind kulturelle Produkte. Sie sichern uns das Überleben, aber sie können uns kaum glücklich machen."

Das Leben wird kompliziert

Nach Ansicht der Autoren ringen diese drei menschlichen Naturen noch immer miteinander, was zu Konflikten führt. Diese spiegeln sich in den Geschichten des Alten Testaments. Man kann sie lesen als Problemanzeigen des Übergangs vom Nomadentum zum sesshaften Leben. Gewalt, Vertreibung, Streit um Land und Gut, die Rollen von Mann und Frau, alles im Fokus der Frage: Wie sollen wir miteinander auskommen?

Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies ist aus Sicht der Evolutionsbiologen das Urmodell des Übergangs vom paradiesischen Zustand zum beschwerlichen Ackerbau. Der Versuch, die Weisheit zu erlangen (Vernunftnatur des Menschen), habe letztlich zur Folge, dass die Menschen das Paradies verlassen müssen und fortan Mühsal und Gottesferne ihr Schicksal bestimme. Nach Lesart der Evolutionsbiologen böten die biblische Geschichten selbst keine moralischen Lösungsvorschläge. Sie hätten eher den Status von Tagebucheinträgen, inklusive Achselzucken des Tagebuchschreibers.

„Back to the Roots“

Im fünften und letzten Teil des Buches kommt dann Jesus ins Visier der Autoren. Sie sehen in ihm ein Wiederkehrer eines überkommenen aber im Verborgenen lebendig gebliebenen Nomadentums. Jesus und seine umherziehenden Jünger stehen für eine „aus der Zeit gefallene Gruppe von Jägern und Sammlern“. Jesu Moral habe „antipatriachale Ansätze“, statt Autoritätsgläubigkeit soll Nächstenliebe, ja sogar Feindesliebe als sozialer Klebstoff dienen. „Back tot he Roots“ sei Jesu Weisheit. Religion stehe am Ende stellvertretend für eine Rückbesinnung auf die erste und ursprüngliche Natur des Menschen, die nicht durch kulturelle Anpassungsversuche (zweite Natur) und angestrengte Vernunft (dritte Natur) verschüttet sei.

Die Sehnsucht der Menschen nach Religion sei letztlich der Schrei nach einem Rettungsanker im noch immer andauernden Prozess der Sesshaftwerdung des Menschen. Van Schaik und Michel empfehlen Bibellektüre letztlich nicht, um Gott oder Gottes Willen besser zu verstehen. Die Bibel mache die Bedingungen verständlich, unter denen die Menschen leben: „Ist es nicht tröstlich, sich bewusst zu sein, dass manche der Probleme, mit denen wir uns herumschlagen, nicht in der eigenen, individuellen Verantwortung liegen? Dass wir persönlich keine Schuld an ihnen tragen, sondern dass sie jene Erbsünde sind, die die kulturelle Evolution unserer Spezies auferlegt hat?“ Anthropologische Bibellektüre verrate aber auch was unserer ersten Natur gut tut: Gemeinschaft. Und gemeinsame Geschichten. „Also all das, was uns ein Stück des verlorenen Paradieses zurückgibt.“

Carel van Schaik, Kai Michel: „Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät“. Rowohlt-Verlag 2016. 569 S., 24,95 €. ISBN 978-3498062163

Kai Michel hält am Mittwoch, 8. Februar, 19.30 Uhr im Frankfurter Bibel­haus einen Vortrag

to top