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Auseinandersetzung mit NS-Zeit

70 Jahre Darmstädter Wort: Meilenstein in Aufarbeitung

epd-bild / Nur Nutzung zu Jubiläum 125 Jahre NiemöllerFacettenreiche Persönlichkeit: Martin NiemöllerHauptinitiator des Darmstädter Worts von 1947: Martin Niemöller

Für Kirchenpräsident Volker Jung ist es ein „Markstein in der Aufarbeitung der Vergangenheit“: Im August wird das Darmstädter Wort 70 Jahre alt. Am Ort des Geschehens sind dann eine Diskussionsveranstaltung und eine Gedenktafel geplant.

Darmstadt, 7. August 2017. Am 8. August vor 70 Jahren entstand unter Mitwirkung des ersten Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Martin Niemöller, in Darmstadt eine Erklärung, die die Verstrickung der Kirche in den NS-Staat klar benennt. Dies sollte einen grundlegenden Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichen. Dazu hat das Dekanat der Stadt eine Festveranstaltung am 17. August geplant. Dabei soll auch eine Gedenktafel am Entstehungsort, dem Elisabethenstift, enthüllt werden. 

Neues Denken im Protestantismus eingeleitet

Nach Worten des hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Volker Jung ist das „Darmstädter Wort“ von 1947 ein „evangelischer Markstein“ in der Aufarbeitung der protestantischen Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Die damals wegen der grundsätzlichen Kritik an Militarismus, Nationalismus und unsozialem Konservatismus in der Evangelischen Kirche in Deutschland umstrittene Stellungnahme markiere „ein neues Denken im deutschen Protestantismus nach 1945“. Das Darmstädter Wort betone „in bester reformatorischen Tradition die Konzentration auf die Botschaft Jesu Christi, die sensibel und kritisch macht gegenüber allen politischen und weltanschaulichen Ideologien mit totalitärem Herrschaftsanspruch“.

Selbstkritisch Veränderungsbedarf attestiert

Selbstkritisch nehme die Erklärung in den Blick, dass die Kirche nötigen Veränderungsbedarf um der Menschen und um des Zusammenlebens willen nicht gesehen und damit die christliche Freiheit und Aufgabe zur Gestaltung verraten habe, so Jung. Wegweisend seien auch heute Sätze wie diese: „Nicht die Parole: Christentum und abendländische Kultur, sondern Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu ist das, was unserem Volk und inmitten unseres Volkes vor allem uns Christen selbst Not tut.“

Auch im Wahljahr 2017 den Blick schärfen

Jung: „Das Darmstädter Wort gehört zu den Texten, die das Selbstverständnis und das kirchliche Handeln der EKHN sehr geprägt hat.“ Dies zeige sich etwa im Einsatz für Flüchtlinge oder in der kritischen Auseinandersetzung mit extremistischen Parteien. „Gerade im Wahljahr 2017 kann das Darmstädter Wort auch 70 Jahre nach seinem Entstehen den Blick schärfen für Menschen, die gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam verfolgen und sich am Evangelium orientieren wollen“, so Jung

Festveranstaltung in Darmstadt am 17. August

Anlässlich des 70. Jahrestags des Darmstädter Worts wird am Ort des Entstehens, dem Elisabethenstift, auch eine Gedenktafel enthüllt werden. Dazu laden das Evangelische Dekanat Darmstadt und das Elisabethenstift Darmstadt am 17. August um 19 Uhr in den Festsaal des Elisabethenstiftes, Erbacher Straße 27 (Haus D), ein. Im Mittelpunkt steht der Vortrag „Das Darmstädter Wort in Geschichte und Gegenwart“ von Martin Stöhr. Der evangelische Theologe war unter anderem in den 1960er Jahren Studierendenpfarrer in Darmstadt und später Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Er wird dabei unter anderem mit der Schülerin Anna Schröer diskutieren, die sich mit dem „Darmstädter Wort“ in einer Arbeit befasst hat.

Hintergrund Darmstädter Wort
„Wir sind in die Irre gegangen ...“

Im August 1947 hatte sich der Bruderrat der Bekennenden Kirche im Darmstädter Elisabethenstift getroffen. Unter Mitarbeit des ersten Kirchenpräsidenten der EKHN Martin Niemöller wurde am 8. August 1947 das „Darmstädter Wort“ beschlossen. Es befasste sich mit der Verstrickung der Evangelischen Kirche in den NS-Staat und ging weit über die im Oktober 1945 veröffentlichte Stuttgarter Schulderklärung hinaus, indem es eine aktive Mitschuld der Kirche bekennt. Vier Abschnitte beginnen mit dem Satz „Wir sind in die Irre gegangen ..“ Die Autoren wollten den Tendenzen zu einer Restauration der Evangelischen Kirche entgegen wirken und einen Neuanfang markieren, indem sie die Sünden der Vergangenheit klar benennen und bekennen. Der Text war wegen seiner schonungslosen Selbstkritik schon damals umstritten. Die Evangelische Kirche in Deutschland konnte sich nicht dazu durchringen, ihn zu einem ihrer grundlegenden Texte zu machen. Er entfaltete aber in der DDR, insbesondere in der dortigen Friedensbewegung, eine nachhaltige Wirkung. Unverständlich bleibt allerdings, warum auch im Darmstädter Wort nicht zur Verfolgung und Ermordung der Juden gesagt wird.

 

 

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